Seit den Prototyping Days 2017 sind nun schon wieder einige Wochen vergangen. Das diesjährige Motto „Choose your passion“ wurde in rund 30 unterschiedlichen Projekten an allen Unternehmensstandorten verwirklicht.
Eines der diesjährigen Siegerprojekte ist „Mentor Month for Refugees“. XING-Mitarbeiter mit unterschiedlichsten Fähigkeiten wie Personalführung, Recruiting, Produktentwicklung oder Projektmanagement nahmen sich zwei Tage Zeit und setzten ihr Know-How für etwas Gutes ein: Sie luden mehr als ein Dutzend Geflüchtete zum Bewerbungstrainings zu XING.
Warum das Projekt so sinnvoll, wichtig und lehrreich für die Teilnehmer war, erzählt Waseem Jawish. Der 23-jährige ist seit Mai 2015 in Deutschland. Er floh aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Das Interview führen wir auf Deutsch – und sind erstmal verblüfft über seine ausgezeichneten Deutschkenntnisse. Schließlich hat er erst Anfang 2016 angefangen Deutsch zu lernen. Er wohnt in Hamburg und studiert an der Universität Sozialökonomie. Warum und welche Besonderheiten die deutsche Arbeitskultur ausmachen, erzählt er uns im Interview.

Du studierst hier in Hamburg an der Universität, hast du vorher in Syrien ein Studium begonnen?

Ja, ich habe in Damaskus drei Semester Wirtschaft studiert. Aufgrund der dortigen Lage musste ich jedoch abbrechen und bin nach Deutschland gekommen. Hier studiere ich nun Sozialökonomie.

Warum Sozialökonomie und nicht weiterhin Wirtschaft?

Mein Traum war es hier weiter zu studieren. Leider wird mein syrisches Abitur hier nicht anerkannt. Ich hätte mein Abitur in Deutschland erst nachholen müssen. Deshalb habe ich mit Studenten an der Universität gesprochen und erfahren, dass man Sozialökonomie auch ohne Abitur und durch Bestehen eines Aufnahmetests studieren kann. Nachdem ich mich noch über den Studiengang informiert habe, habe ich den Aufnahmetest erfolgreich mitgeschrieben und wurde dann für das Studium zugelassen.

Weißt du schon was du später beruflich machen willst?

Mein Kindheitstraum war es immer, an der Börse zu arbeiten. Wirtschaft finde ich nach wie vor unheimlich interessant. Mittlerweile würde ich aber gerne in der IT-Branche arbeiten. Durch meinen Nebenjob im IT-Support der Universität sammele ich weitere Erfahrungen, die mir später auch sicher weiterhelfen. Im Master möchte ich dann Wirtschaftsinformatik studieren.

Für den Job im IT-Support hast du dich ja eigenständig beworben. Läuft ein solcher Bewerbungsprozess anders ab, als in Syrien?

Auf jeden Fall! Hier in Deutschland schreibt man eine E-Mail und wird dann zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Man geht mit seinem Lebenslauf und Zeugnissen zum Gespräch. In Syrien zählt der Lebenslauf kaum: Zertifikate über Ausbildung und Erfahrungen sind viel wichtiger. Außerdem wird der Großteil der Jobs über Vitamin B vergeben. Die meisten entscheiden sich daher notgedrungen, in der gleichen Firma wie ihre Eltern, Verwandten oder Freunde zu arbeiten.

Die syrische Arbeitskultur ist also eine ganz andere?

Ja! Nicht nur bei der Jobvergabe. Kinder lernen meist das, was ihre Eltern ihnen vorgeben, fast immer der Beruf, den auch sie ausüben: Ist mein Vater Arzt, werde ich Medizin studieren. Leitet mein Vater eine Firma, werde ich das auch später machen. Nicht weil sie ihre Kinder entmündigen wollen, sondern weil sie das Beste für ihr Kind wollen: Einen sicheren Job. Auch der Arbeitsalltag ist komplett anders. Aufgrund des Wetters, der Hitze, liegen die Arbeitszeiten im Durchschnitt bei 8 bis 14 Uhr. Außerdem wird nicht so digital gearbeitet wie in Deutschland. Es gibt beispielsweise kein Karrierenetzwerk wie XING. Stellenanzeigen werden noch in Zeitungen abgedruckt.
Ein weiterer großer Unterschied ist, dass in Deutschland viel öfter der Job gewechselt wird und man sich weiterbilden kann. Das gibt es in Syrien nicht. Man lernt geht in einen Beruf und bleibt dort. Hier ist man viel flexibler.

Du hast an dem XING-Projekt Mentor Month for Refugees teilgenommen. Welche neuen Erkenntnisse haben du und die anderen Teilnehmer dort sammeln können?

Jede Menge! Wir haben gelernt, wie man einen Lebenslauf formal richtig aufsetzt. Ich wusste zum Beispiel vorher nicht, dass ich meine Grundschule nicht in den Lebenslauf aufnehmen muss. Oder, dass aufgelistete Hobbies dem Lebenslauf eine persönliche Note geben, die Persönlichkeit vermitteln. Ich war zwei Jahre im Ausland, in denen ich nicht gearbeitet habe und hatte daher eine Lücke im Lebenslauf stehen. Ein Teilnehmer riet mir einfach „Auslandserfahrungen“ hinzuschreiben – ein klasse Tipp! Und dank des Workshops habe ich jetzt auch ein neues Bewerbungsbild. Dass man darauf lächeln darf habe ich vorher nicht gewusst, es macht einen ja auch gleich viel sympathischer. In Syrien darf man das beispielsweise nicht, da man sonst nicht ernstgenommen wird.
Enorm hilfreich fand ich auch das Üben von Vorstellungsgesprächen. Viele Flüchtlinge sind schüchtern, sprechen noch nicht so gut Deutsch und sind extrem nervös vor einem Bewerbungsgespräch. Das muss man im Gespräch einfach sagen, auch wenn man etwas nicht verstanden hat.
Außerdem gibt es auch typische Fragen, die von Deutschen gerne gestellt werden, beispielsweise „Wo liegen deine Stärken und Schwächen?“ Die Trainings waren sehr hilfreich, man braucht sowas.

Was sind denn deine größten Stärken und Schwächen?

Ich bin sehr ungeduldig! Jetzt weiß ich aber, dass man das auch positiv sehen kann: Es ist Energie, keine Inkompetenz. Meine größte Stärke ist Beharrlichkeit. Ich will etwas schaffen und das kann ich meist auch.

Würdest du das Projekt weiterempfehlen?

Natürlich, wir haben sehr viel gelernt. Es ist ein wichtiger Teil der Integration, den Arbeitsmarkt und den Zugang zum selbigen zu verstehen. Projekte wie diese sollte es öfter geben. An unserem Kurs haben beispielsweise nur Akademiker teilgenommen. Auch für andere Gruppen von Geflüchteten sind das sehr wertvolle Informationen. Würden sich mehr Unternehmen engagieren und solche Möglichkeiten eröffnen, könnte das in vielen Fällen den Berufseinstieg vereinfachen und beschleunigen.

Was sind deine drei wichtigsten Bewerbungs-Tipps?

1. Achte auf einen korrekten, fehlerfreien Lebenslauf.
2. Übe das Gespräch vorher mit Freunden oder der Familie wenn du sehr nervös bist.
3. Sei wie du bist! Verstelle dich nicht im Gespräch.

Vielen Dank für das Gespräch, Waseem!

XING engagiert sich bereits zum zweiten Mal im Zuge der Prototyping Days für Geflüchtete. An dem Projekt nahmen mehr als 20 XING-Mitarbeiter teil. Initiiert wurde das Projekt von Christin Hinrichs. Das Ziel ist es, das Bewerbungstraining regelmäßig stattfinden zu lassen. Bei Interesse meldet Euch gerne bei Christin Hinrichs.