Anmerkung der Redaktion: Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Jochen Mai, Ressortleiter bei der WirtschaftsWoche und Autor. Es handelt sich hierbei um einen Auszug aus seinem neuen Buch Büro-Alltags-Bibel (siehe rechts).
Lesereise: Sie können als XING-Mitglied einen exklusiven Vor-Ort-Termin bei Ihnen im Rahmen der Lesereise “Das lebendige Buch” gewinnen. Schreiben Sie Jochen Mai dazu eine E-Mail (karrierebibel@gmail.com) mit dem Betreff “XING Lesereise – das lebendige Buch”. Weisen Sie in der E-Mail per Link auf Ihr XING-Profil hin. Die weiteren Teilnahmebedingungen finden Sie auf der Webseite Sprechstunde – die Büro-Alltags-Bibel kommt zu Ihnen.
Wundersam ist das Leben in der Tiefsee. In etwas mehr als tausend Metern unter dem Meeresspiegel harrt zum Beispiel der Wolfsfallen-Anglerfisch. Der ist so träge und hässlich wie es dort unten dunkel ist. Aus seinem Maul hängt lediglich ein schlaffer mit einem Leuchtorgan ausgestatteter Köder. Das ist eigentlich schon alles, was der mesopelagiale Fisch leistet. Ansonsten treibt der Wolfsfallen-Anglerfisch mit weit aufgesperrtem Maul knapp über dem Meeresgrund und wartet, bis ihm eine durch sein Licht angelockte Beute ins Maul schwimmt. Dann schnappt er zu: Die scharfen Zähne des Oberkiefers klappen nach innen und der Unterkiefer zu. Das Opfer sitzt fest und bald darauf im Magen. Bon appétit!
Um einem vergleichbaren Schauspiel beizuwohnen, muss man nicht notwendigerweise abtauchen. Umschauen reicht schon. So einige Kollegen verhalten sich ganz genauso wie der Wolfsfallen-Anglerfisch: Sie hocken einfach so da, locken ihre Beute mit fadenscheinigen Ködern an und nehmen sie aus. Teamplay ersetzen sie durch Egoismus, helfende Hände durch Ellenbogen und nicht wenige halten sie sich auch noch für extrem clever, weil sie es damit weit gebracht haben. Wie dumm! Denn ein solches Verhalten beweist nur eins: Kurzsichtigkeit. Erfolg ist nie der Verdienst eines Einzelnen.
Wer stets den ganzen Kuchen für sich alleine haben will, bekommt davon nur Bauchschmerzen, lautet ein schönes Sprichwort. Die gute und selbstlose Tat dagegen zahlt sich in der Regel aus. Das ist sogar wissenschaftlich verbürgt. Der Fachbegriff dafür lautet reziproker Altruismus, zu Deutsch: Wie du mir, so ich dir.
Der US-Ökonom Vernon Smith untersuchte dieses Verhalten bereits in den Sechzigerjahren und erhielt 2002 dafür den Wirtschaftsnobelpreis. Das Experiment, das inzwischen zu den Klassikern der Spieltheorie gehört, ging so: Seine Probanden sollten zunächst Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen und den Fonds durch Geschäfte vermehren. Der Gewinn wurde anschließend an alle zu gleichen Teilen ausgezahlt. Der Clou war allerdings, dass die Teilnehmer einzahlen konnten oder auch nicht – von der Ausschüttung profitierten trotzdem alle. Klar, was jetzt passierte: Obwohl der Fonds die höchsten Gewinne erzielte, wenn alle einzahlten, gab es den höchsten Einzelprofit für egoistisches Schmarotzen. Und so spielten zu Beginn zwar noch vier Fünftel der Teilnehmer fair, zahlten ein, während der Rest frech mitkassierte. Doch die Ehrlichen waren die Dummen und verhielten sich schon bald ebenfalls eigennützig. So schmolz der Profit Runde um Runde und erreichte zum Schluss einen Tiefststand. Wie die Stimmung im Raum. Daraufhin führte Smith Sanktionen ein. Die Mitspieler konnten Trittbrettfahrer jetzt bestrafen und vom Gewinn ausschließen. Prompt verbesserte sich das Ergebnis. Die Sanktionen sorgten für wachsendes Gemeinwohl. Der Effekt ist nichts anderes, als was wir einen guten Leumund nennen oder auch vergleichbar mit dem Händler-Feedback auf eBay oder den Referenzen auf Xing: Nur wer fair ist und eine entsprechende Reputation besitzt, macht auch künftig gute Geschäfte. Es ist ein gerne übersehener Fakt, dass sich im Alltag Ethik und Selbstlosigkeit in Maßen auszahlen – vorausgesetzt freilich, unmoralisches Handeln wird sanktioniert.
So wirkt etwa der persönliche Leumund, den sich Hilfsbereite praktisch nebenbei erarbeiten, äußerst positiv auf zahlreiche Bereiche im Berufsalltag. Eine Untersuchung von Melinda Tamkins von der Columbia Universität in New York kam zum Beispiel zu dem Fazit, dass beruflicher Erfolg weniger davon abhängt, was man weiß oder wen man kennt, sondern vor allem von der eigenen (positiven) Popularität im Unternehmen. So gelten beliebte Kollegen als besonders motiviert, seriös und entschieden und wurden entsprechend häufiger befördert sowie besser bezahlt. Falls Sie sich gerade fragen, wie man denn bitteschön so beliebt wird, bieten auch hierbei Tamkins’ Studien eine Empfehlung: Beliebt war, wer einfach nett zu den Kollegen war, Hilfe anbot und gute Stimmung verbreitete.
Untersuchungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen übrigens zu vergleichbaren Ergebnissen:
- Unter ebenso freundlichen wie fröhlichen Menschen liegt die Scheidungsrate nur halb so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt, so eine Studie der Universität Toronto. Hilfsbereite Menschen haben zudem schneller Kontakt und finden leichter einen Ehepartner.
- Personaler, die gut gelaunt sind – etwa, weil sie auf nette, hilfsbereite Bewerber treffen –, bewerten diese in Jobinterviews besser als ihre miesepetrigen Kollegen, so eine Studie der Erasmus Universität in Rotterdam.
- Mit Geld kann man zwar weder Liebe, (echte) Freunde, noch Gesundheit kaufen. Aber wie Studien des Harvard-Psychologen Daniel Gilbert zeigen, verdienen nette Menschen langfristig mehr. Wie es scheint, macht das Gefühl, ein guter Mensch zu sein, produktiver und motiviert, sich stärker zu engagieren.
- Nette Menschen leben gesünder. Eine Studie der Universität von Michigan fand heraus, dass ältere Menschen, die anderen helfen – entweder durch ehrenamtliche Tätigkeit oder indem sie einfach nur gute Freunde oder Nachbarn sind – im Vergleich zu selbstsüchtigen Altersgenossen ein um 60 Prozent geringeres Risiko haben, vor der durchschnittlichen Lebenserwartung zu sterben.
Anderen Menschen zu helfen, kann ein unglaublich befriedigendes und nachhaltiges Gefühl hinterlassen. Zudem zeugt die edle Tat nicht nur von menschlicher Größe – sie beweist ebenso, dass man es kann. Sie dokumentiert Kompetenz, Kraft, reichhaltiges Wissen und einen großen Erfahrungsschatz.
Wie jede Medaille hat aber auch diese eine Kehrseite: Denn wer um Hilfe bittet, muss damit zugleich seine eigene Unfähigkeit und Ohnmacht – zumindest in diesem Punkt – ertragen können. Entsprechend schwer fällt vielen das Eingeständnis, Hilfe zu brauchen. Hinzu kommt, dass das Um-Hilfe-Bitten im Job nicht ganz ungefährlich ist. Wer seinen Posten gerade erst angetreten hat, darf vielleicht noch vorurteilsfrei um Rat und Tat fragen. Wird dieser Zustand jedoch chronisch, nährt das die Zweifel an seiner Kompetenz. Und von einer Führungskraft erwarten die Leute ganz einfach, dass sie weiß, was zu tun ist und deshalb Rat vorzugsweise spendet und nicht erbittet. Aber ist das richtig?
Ich halte das für einen gefährlichen Denkfehler. Gerade dieses Klischee von den hilfsbefreiten Bossen hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder dazu geführt, dass Manager ratlose Entscheidungen trafen und dabei so gut es eben ging die eigene Unsicherheit hinter eine Fassade aus Überzeugung, Stolz und einer Weil-ich-es–kann-Attitüde verbargen. Also wurde lieber auf eigene Faust analysiert, organisiert und exekutiert und allenfalls heimlich ein Coach konsultiert. Armselig ist das. Und obendrein kostspielig dazu.
Wer nie Hilfe annimmt, bleibt ein törichter Narr – egal, auf welcher Hierarchieebene. Nicht nur, weil er so womöglich unnötig scheitert und sich aus falschem Stolz um einen (gemeinsamen) Erfolg bringt. Sondern auch, weil gegenseitige Hilfeleistungen feste zwischenmenschliche Bande knüpfen; weil es zum Reifen dazugehört, mit seinen Unzulänglichkeiten professionell umzugehen, und weil es schier Blödsinn ist, dass Führungskräfte, die um Hilfe bitten, weniger respektiert werden. Nobody is perfect. Und jeder kann jederzeit noch etwas lernen. Auch von jenen, die auf einem vermeintlich anderen Level stehen.
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