Christian Burtchen am 02.07.2009 um 17:00Uhr MEZ
Dass sich soziale Netzwerke wunderbar dazu eignen, mit Freunden und Kollegen in Kontakt zu treten und zu bleiben oder geschäftliche Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, ist bekannt. Außerordentliches Potenzial für Social Media verbirgt sich in den wortwörtlich sozialen Anliegen – Nichtregierungsorganisationen können die schnelle und direkte Kommunikation und Mobilisierung im Netz ideal nutzen, können bloggen, twittern, sich vernetzen – oder gar selbst ein Netzwerk aufbauen. Das Web-2.0-Portal Mashable hat hierzu übrigens eine sehr interessante Reihe (in englischer Sprache) veröffentlicht. Auch XING lässt sich natürlich nutzen, um Gutes zu tun, sei es eine Spendensammlung bei einem offiziellen XING-Event.
Ole Seidenberg, Ex-Praktikant der Vereinten Nationen, beinahe graduierter Student der Soziologie, Blogger und Internetaktivist, ist natürlich auch bei XING – hier hat er etwa einen Caritas-Mitarbeiter kennengelernt, dessen Einladung nach Sierra Leone er prompt folgte. Bekannt ist Seidenberg durch die “Aktion Uwe” – diese begann genau andersherum, Seidenberg lud ein. Er erinnert sich:
“Aktion Uwe” entsprang eher einem Impuls als rationalen Überlegungen. Uwe bat mich gegen Ende Januar diesen Jahres in der Hamburger Fußgängerzone um eine kleine finanzielle Unterstützung. Ich fragte genauer nach, worum es ihm ging, ob und wie er eigentlich jemals wieder ein Leben jenseits der Straße führen wollen würde.
“Kurzerhand entstand aus seiner Geschichte ein Aufruf auf meinem Blog. Ich war mir sicher, dass viele Menschen jemandem wie Uwe eigentlich gerne helfen würden, es dann aber nicht tun, da sie meinen, ihre Hilfe würde ohnehin für Alkohol oder Drogen genutzt werden. Ich hoffte, durch das gemeinsame Projekt einen anderen Rahmen schaffen zu können – und damit ein weit größeres Netzwerk an Helfern für Uwe mobilisieren zu können, als dies sonst möglich wäre.”
“Aktion Uwe” nimmt Fahrt auf
In seinem Blog listete er Dinge, die Uwe benötigte. Seidenbergs Hoffnungen sollten sich erfüllen, auch wenn er die Anfangsreaktionen als “sehr skeptisch” beschreibt, wie sich etwa in den Kommentaren unter dem ersten “Aktion Uwe”-Beitrag zeigt. Seidelberg dazu:
“Ich habe darauf bis heute keine eindeutige Antwort [auf die Frage, ob "Aktion Uwe" übertragbar ist], aber ich weiß mit Gewissheit: Nur, weil ich nicht allen auf einmal helfen kann, war es dennoch nicht eine Sekunde lang falsch, Uwe eine Chance zu geben.”
Das Potenzial für breite Aufmerksamkeit ist jedenfalls vorhanden: Mittlerweile hat die Caritas einen Blog für Menschen am Rande der Gesellschaft gestartet. Über Aktion Uwe wurde oft berichtet, im Hamburger Abendblatt, bei Spiegel Online oder in der Tageszeitung. Und: Hilfe kommt. Uwe gewinnt sogar 10.000 Euro Startkapital für sein Nachtcafé – doch es gibt immer wieder Rückschläge. Auch dazu reflektiert Seidenberg:
“Am meisten hat mich immer wieder beeindruckt, dass Uwe bis heute nicht aufgegeben hat, trotz aller Rückschläge und seiner Vergangenheit, die ihn psychisch zwischenzeitlich immer wieder eingeholt hat. Das Vertrauen, das sich im Laufe des vergangenen halben Jahres zwischen uns entwickelt hat, gibt auch mir viel Kraft zum Weitermachen – und jene Momente, in denen Uwe mir dieses Vertrauen bekundet, sind für mich gewiss ganz besondere.”
Über die Möglichkeiten von Social Media für gemeinnützige Aktionen
Die “Aktion Uwe” geht weiter, Seidenberg verfolgt und unterstützt die Aktivitäten Uwes. Er nutzt seinen Blog, nimmt an Barcamps teil, sammelt Spenden mit via Helpedia. Besonders interessiert hat uns, inwieweit nach Seidenbergs Meinung das Web 2.0 dafür geeignet ist, Fundraising und gemeinnützige Aktionen zu unterstützen. Der Blogger ist überzeugt – “wie gemacht” seien die neuen Möglichkeiten “für die Förderung, Bekanntmachung und Umsetzung sozialer Projekte”. Den archimedischen Punkt sieht Seidenberg darin, was die Menschen im Web 2.0 austauschen, wenn sie bloggen, kommentieren, Videos und Bilder hochladen: Emotionen, die “uns in unserem Handeln weit mehr beeinflussen als nackte Informationen”. Wenn wir uns im Web 2.0 aufhalten und vernetzen, sind menschliche Rückkopplungen allgegenwärtig. Es zählt, “was unser Umfeld denkt, fühlt und wie es handelt”. Auch für die Zukunft ist Seidenberg optimistisch:
“Ich bin guter Hoffnung, dass Social Media dazu beitragen werden, dass die für uns tatsächlich bedeutenden Themen wieder mehr an Gewicht in unser aller Aufmerksamkeit gewinnen, da nicht mehr das größte Marketingbudget einer Firma, sondern die soziale Relevanz der Themen und Projekte ausschlaggebend sein wird.”
Für seine Aktionen wurde Seidenberg für den Panter 2009 nominiert.




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